EUROPÄISCHES SEGEL-INFORMATIONSSYSTEM


Die Weltumsegelung 1996 / 97



Friday, 21. March 1997 - 13:11:30
Pressemitteilung 10/97 vom Presse-Informationszenrum West der Deutschen Bundesmarine in Wilhelmshaven (Bericht Fregattenkapitän Wolfgang Jungmann):

Wilhelmshaven / Kiel. Am Mittwoch, 26. März, um 11 Uhr geht mit dem Festmachen an der Tirpitzmole im Marinestützpunkt Kiel die längste Reise zu Ende, die je ein Schiff der Deutschen Marine nach dem Krieg unternommen hat: 343 Tage war die "Gorch Fock" unterwegs, seit dem 18. April legte das Segelschulschiff der Marine ca. 36.000 Seemeilen (ca. 66.700 km), davon 65 Prozent unter Segeln, zurück. Die Reise führte in 18 Häfen auf vier Kontinente und 16 Länder; der Atlantik und der Indische Ozean wurden zweimal und zwar von Ost nach West und von West nach Ost durchquert, der Äquator viermal überquert.

Den an der Tirpitzmole wartenden Angehörigen der Besatzung und Freunden der "Gorch Fock" - es werden etwa 1000 Besucher erwartet - soll nach dieser ungewöhnlichen Reise auch etwas Außergewöhnliches geboten werden: Sollten die Windverhältnisse am 26. März nicht allzu ungünstig sein, so beabsichtigt der Kommandant, Kaptän zur See Thomas-Georg Hering mit der Bark vom Ankerplatz in der Strander Bucht bis vor den Tirpitzhafen unter Segeln zu laufen. Darüber hinaus wird die Gofo mit einem ca. 80 Meter langen Heimatwimpel im Topp einlaufen. Diesen Wimpel darf ein Kriegsschiff dann setzen, wenn es einmal die Erde umrundet oder sich mindestens sechs Monate in ausländischen Gewässern aufgehalten hat. Der Wimpel muß deshalb so lang sein, damit dessen Enden, an dem kleine Messingkugeln befestigt sind, von der Mastspitze bis ins Wasser reicht.

Insgesamt haben 78 Soldaten und zwei zivile Mitarbeiter von der 90 Mann starken Stammbesatzung die gesamte Reise mitgemacht. In Bangkok (Thailand), Port Louis (Mauritius) und Recife (Brasilien) wechselten Lehrgänge und Segelcrew. Letztere wird benötigt, sobald weniger als 120 Lehrgangsteilnehmer an Bord sind, um die Segel durchgehend 24 Stunden mit vier Wachen bedienen zu können. Insgesamt erlernten 229 Offiziersanwärter, darunter auch 13 weibliche Sanitätsoffiziersanwärter (von Bangkok nach Port Louis) und 13 ausländische Kadetten, 43 Unteroffiziersanwärter des seemännischen Dienstes, sowie 223 Soldaten der Segelcrew (zumeist Grundwehrdienstleistende) ihr semännisches und nautisches "Einmaleins".

In den Häfen hat sich die gesamte Besatzung vorbildlich verhalten und somit als "Botschafter in Blau" einen entsprechenden Anteil an dem nachhaltig positiven Eindruck, den das Schiff überall in der Welt hinterlassen hat. So wurden z.B. von den während einer Weihnachtsfeier gesammelten 2000 DM ein Industriekochherd sowie Ventilatoren für ein Waisenhaus in Brasilien gestiftet. Mehrere Soldaten übernahmen in Thailand spontan Patenschaften für thailändische Waisenkinder.

Auch wenn Reiseroute und besuchte Häfen Träume nach fernöstlichen und tropischen Urlaubszielen wach werden lassen, haben fordernder Ausbildungs- und Wachdienst, die lange Trennung von der Familie, die Enge an bord, Stürme, Seegang und ungewohnte Klimaverhältnisse trotz eingebauter Klimaanlage bald deutlich gemacht, dass diese Fahrt keine Urlaubsreise war.

Dennoch, getreu dem motto "wenn einer eine Reise tut ..." einige Reiseeindrücke:
An erster Stelle ist die überwältigende Gastfreundschaft zu nennen, die die Frauen und Männer der "Gorch Fock" in allen Häfen erfahren und erleben durften.
Besonders herausragend, da auch politisch für die "Botschafter-Rolle" bedeutsam, die Besuche in Haifa und Kapstadt. Faszinierend boten sich der Besatzung die südostasiatischen Häfen wegen der unglaublichen Dynamik dar. In Singapur organisierte die "deutsche Kolonie" ein Fest mit über 2000 Gästen auf der Pier direkt vor dem Schiff. Die Besatzung richtete dagegen in den 18 Häfen 31 Empfänge und 18 Spitzenessen mit ca. 4000 Gästen an Bord aus.
20.100 Besucher kamen in den Liegehäfen während der sogenannten "Open Ships" an Bord. Das größte Interesse wurde der "Gorch Fock" in Recife/Brasilien entgegengebracht: Über 6.000 Besucher an drei Tagen in insgesamt nur 6 Stunden, d.h. 1.000 "enterten" die 89,40 Meter lange Bark. Recife hat auch sonst Spuren in der Besatzung hinterlassen. Einige der "Blauen Jungs" haben dort ihr Herz verloren und fliegen gleich nach der Rückkehr nach Kiel wieder nach Recife.
Auch Kurioses wurde erlebt: Erst ein Bakschisch in Form von Zigaretten ermöglichte die lang angemeldete Passage durch den Suez-Kanal zum geplanten Zeitpunkt. Ein Bienennest auf der Brahmrah nach dem Auslaufen aus Cochin/Indien konnten zwei Soldaten nur im Vollschutzanzug mit buchstäblich "höchstem" Einsatz entfernen.

Zum Schluss noch einige Anmerkungen zur Meteorologie dieser langen Reise:
Meteorologisch zeigte sich der Atlantik insgesamt freundlicher als der Indische Ozean. Mit teilweise haushohen Wellen und unangenehmer Dünung verlangte letzterer der Gofo nach dem Auslaufen aus dem Roten Meer einiges ab. Eindrucksvoll war auch die Passage durch das Rote Meer und den Golf von Aden, die, obwohl Hunderte von Kilometern von Land entfernt einen Staubsturm mit feistem, alles durchdringendem roten Wüstensand bescherte, der die Sicht wie im dichten Nebel reduzierte. Diese Region, die zu Recht als der heißeste Fleck der Erde gilt, ließ mit Temperaturen über 35 Grad und einer ständigen Luftfeuchtigkeit von mehr als 80 Prozent jede Arbeit an Deck zur Qual werden.
Die "Gorch Fock" segelte auch zum ersten Mal um das Kap der Guten Hoffnung - übrigens bei strahlendem Himmel und freundlicher See.
Ein meteorologisches Wunder erlebte die Besatzung, und zwar einen Wirbelsturm mit Namen "Antoinette" vor Mauritius in einem Seegebiet, in dem nach der Wetterstatistik das Entstehen eines tropischen Sturms mit null Prozent Wahrscheinlichkeit angegeben ist.
Fast schon wie ein Zeichen erschien dem Schiff in langen Nächten der letzten Atlantiküberquerung der Komet "Hale Bopp" am östlichen Sternenhimmel, der den Weg nachhause - nach Deutschland zu weisen schien.

Bericht: Fregattenkapitän Wolfgang Jungmann

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