Der Ärmelkanal, in Frankreich als La Manche, in Großbritannien als The Channel bezeichnet, ist eine Meerenge mit einer Breite von nur 34 km an seiner schmalsten Stelle in der Straße von Dover. "The Channel", wie die Engländer sagen, gehört mit täglich etwa 400 bis 500 Schiffspassagen zu den meistbefahrenen und wegen seiner Enge gefährlichsten Wasserstraßen der Welt. Über den Kanal herrscht ein reger Fährverkehr in beide Richtungen. Die wichtigsten Häfen sind Cherbourg und Le Havre in Frankreich sowie Southampton in Großbritannien. Eisenbahnfähren ermöglichen eine direkte Verbindung zwischen London und Paris. Zwischen Dover und Calais gelangte man vor dem Bau des Tunnels mit Luftkissenbooten innerhalb von 30 Minuten über den Kanal, heute dauert die schnellste Passage mit einer Schnellfähre 40 Minuten. Die Fischerei spielt nur in der Bretagne, im Nordwesten Frankreichs, noch eine Rolle, an den Küsten beider Länder ist inzwischen der Fremdenverkehr der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Wegen des sehr starken Tidenhubs beim Wechsel der Gezeiten wurde an der bretonischen Küste ein Gezeitenkraftwerk zur Gewinnung elektrischer Energie errichtet. Es liegt bei Saint Malo, wo die Rance in einem Ästuar in den Golf von Saint Malo fließt. Etwas nördlich davon liegen die Kanalinseln Jersey, Guernsey und Alderney, die als Überreste des ehemaligen normannischen Herzogtums unmittelbar zum britischen Hoheitsgebiet gehören.
Es gibt zwei Handbücher zur Navigation im Kanal, von denen mindestens eines unbedingt an Bord sein sollte. Das ist zum einen der englischsprachige "Macmillan Reeds Nautical Almanac" (mittlerweile "Reeds Oki Nautical Almanac") und zum anderen der französischsprachige "Votre Livre De Bord". Beide erscheinen jährlich aktualisiert mit allen notwendigen Tabellenwerken zu Gezeiten, Revier- und Hafeninformationen. Zur Törnvorbereitung reicht ein altes Exemplar aus, solange bei Törnbeginn das aktuelle Werk an Bord ist. Grundsätzlich decken beide Handbücher beide Küsten ab, allerdings sind die Angaben der jeweiligen Gegenseite unvollständiger. Falls man also beabsichtigt, auch kleinere Häfen an beiden Seiten des Kanal zu besuchen, sollte die Anschaffung beider Handbücher erwogen werden. Die Methode der Gezeitenberechnung im "Votre Livre De Bord" bedarf anfangs einer Umstellung für Nautiker aus deutschen Schulen, bietet dann aber eine einfache Methode, genaue Gezeitenberechnungen anzustellen.
Gezeiten:
Die Flutwellen in der flachen Nordsee stammen aus dem tiefen Atlantik und bewegen sich um Schotland herum die englische Küste entlang nach Süden und erreichen mit etwa 12 stündiger Verspätung die deutsche Bucht. Sie drehen dabei um einen flutfreien Punkt vor der Küste Dänemarks. Die zweite durch den Ärmelkanal wandernde Flutwelle trifft vor London auf die von Norden um die britischen Inseln kommende Flutwelle und endet in einem Wirbel vor der belgisch - niederländischen Küste.
Westlich der Linie Linie Cherbourg - Isle of Wight zeichnet sich insbesondere die französische Seite entlang der Bretagne durch einen hohen Tidenhub bis zu 12 m und hohe Tidenströme von bis zu 8 kn aus. Auf der englischen Seite ist sie weniger ausgeprägt. Tidenhub und -strom nehmen nach Westen hin ab. Küste und Grund sind weitgehend felsig und abgesehen von Buchten und Einfahrten tief. Viele der kleineren Häfen fallen trocken oder sind durch eine Barre gegen Trockenfallen geschützt. Solche Barren sind für tiefer gehende Yachten nur wenige Stunden vor und nach Hochwasser passierbar. Größere Häfen wie Penzance oder St.Malo verfügen über Tore oder Schleusen, um bei Niedrigwasser Mindesttiefen im Hafen garantieren zu können. Diese sind dann auch meist nur wenige Stunden vor und nach Hochwasser erreichbar. Der Küste vorgelagerte, künstlich angelegte Marinas mit Schwimmstegen wie im Mittelmeer findet man selten. In den großen, britischen Häfen ist die Wassertiefe in der Regel ausreichend, um als Sportboot jederzeit ein- und auslaufen zu können. Rund um die Isle of Wight treten allerdings genauso wie bei den Kanalinseln Tidenstromgeschwindigkeiten auf, die von kleineren Sportbooten unbedingt berücksichtigt werden müssen, wenn sie nicht auf der Stelle stehen bleiben wollen.
Segeln:
Der Ärmelkanal ist wegen seines großen Tidenhubs und des oft sehr kräftig vom Atlantik blasenden Winds nicht unbedingt eines der populärsten Segelreviere, zumal unter Anfängern. Aber ausgehend von den Marinas im Süden Englands, in Frankreich oder Belgien ist ein Törn mit der Charter-Yacht vorbei an Steilküsten, natürlichen Häfen und mit Zwischenstopps auf den wunderschönen Kanalinseln eine lohnenswerte Abwechslung.
Die Gewässer des Ärmelkanals können auf eine jahrhundertelange Segeltradition zurück blicken. Die Militärflotten Englands und Frankreichs beäugten sich lange von den beiden Seiten. Der Solent, ein Seitenarm des Kanals zwischen Südengland und der Isle of Wight ist eines der geschichtsträchtigsten Segelreviere der Welt. Southampton, Portsmouth, Spithead: Diese Namen sind eng verbunden mit den Triumphen und Tragödien der Royal Navy, Cowes auf der Isle of Wight ist untrennbar mit dem Yacht-Sport verbunden und sind jedem Segler ein Begriff. Brighton ist ein Nobel-Urlaubsort, in dessen Nähe immer schicke Yachten aller Größe und Couleur zu sichten sind. Der Hafen von Brighton ist auch bequem für größere Yachten anzulaufen. Wegen der Ausdehnung des Gebiets wird der Ärmelkanal auf vielen Seekarten in einen West- und einen Ostteil aufgeteilt. Als Grenze zwischen Ostteil und Westteil des Kanals sei hier die Linie Cherbourg - Isle of Wight angenommen, die bezüglich der Gezeiten signifikant ist.
Dank des milden Golfstroms ist der Ärmelkanal ganzjährig befahrbar. Die Wassertemperatur schwankt zwischen 5 und 15 Grad Celsius. Die starke Strömung und der oft aufbrausende Wind erfordern höchste Konzentration. Und dabei muss auch noch der extreme Tidenhub beachtet werden, der bis zu 14 Meter betragen kann. Generell sind im östlichen Teil Tidenhub und Strömung geringer.
Der Ärmelkanal gilt als die verkehrsreichste Schiffahrtstraße der Welt und deshalb gibt es hier sogenannte Verkehrstrennungsgebiete: Die nach Westen führende "Straße" liegt dabei im Norden, die nach Osten führende ist südlich.
Trotz dieser Verkehrstrennung kommt es immer wieder zu Kollisionen, Nebel ist recht häufig in diesem Gebiet:
2. Januar 2008: Vor der Küste von Kent lief der deutsche Containerfrachter "LT Cortesia", (IMO No. 9293753) 90449 BRZ,
in der Straße von Dover auf Grund (Bild). 19. August 1995: Die Stena Challenger (Bild) strandete am vor Calais. Erst 24 Std. später konnte sie bei einsetzender Flut freigeschleppt werden Dienstag, dem 31. Oktober 2000: Der Frachter "Ievoli Sun" (Bild) sank im Ärmelkanal 35 Kilometer vor Cherbourg mit 6000 Tonnen hochgiftiger Chemikalien. Samstag, 14. Dezember 2002: Der in Norwegen registrierte Autotransporter "Tricolor" ist am Samstag im dichten Nebel im Ärmelkanal mit dem Containerschiff "Kariba" zusammengestoßen und gesunken.
Am Morgen des 16.12. rammte der deutsche Frachter "Nicola" das Wrack der auf der Backbordseite liegenden, bei Ebbe knapp aus dem Wasser ragenden "Tricolor".
Tanker "Vicky" rammt Wrack der "Tricolor" im Ärmelkanal
Sonntag, 05. Januar 2003, 18:09 Uhr
Das seit Mitte Dezember im Ärmelkanal liegende Wrack des Auto-Frachters "Tricolor" ist erneut von einem Schiff gerammt worden. Der mit 70.000 Tonnen Diesel beladene Tanker "Vicky" aus der Türkei fuhr am Mittwochabend auf den Frachter auf, wie britische und französische Behörden mitteilten. Zwei Stunden später kam der Tanker dank der einsetzenden Flut aus eigener Kraft frei und ging nahe der Kollisionsstelle vor Anker. Zunächst war unklar, warum der Tanker trotz mehrfacher Warnungen mit dem Wrack kollidierte.
In Begleitung eines französisch-britischen Schleppers fuhr die "Vicky" in der Nacht an einen "sicheren Ankerplatz", wie die See-Präfektur in Dunkerque mitteilte. Nach Angaben der britischen Küstenwache in Dover ging der Tanker rund eine Meile nördlich des Wracks vor Anker. Vor seiner möglichen Weiterfahrt in einen Hafen sollte er auf Risse oder den Austritt von geladenem Treibstoff untersucht werden.
Eine Sprecherin der britischen Küstenwache sagte, die Tatsache, dass das Schiff aus eigener Kraft weiterfahren konnte, deute darauf hin, dass es entgegen der ursprünglichen Befürchtung nicht leck geschlagen sei. Der 243 Meter lange Tanker hat eine einfache Außenwand, aber eine zusätzliche Metallschicht am Rumpf.
Der britischen Küstenwache in Dover zufolge werden alle Schiffe auf dem Ärmelkanal stündlich über die Gefahr durch das im Kanal liegende Wrack der "Tricolor" gewarnt. Nach Angaben der französischen Behörden befanden sich zum Zeitpunkt der Kollision zwei Schlepper und ein Patrouillenboot an der "Tricolor". Das Wrack sei zudem mit fünf Leuchtbojen markiert gewesen. Die Besatzung der "Vicky" habe sogar auf die Aufforderung des französischen Patrouillenbootes reagiert, den Kurs zu ändern. Wie es dennoch zu der Kollision kommen konnte, sei unklar. Quelle: Peter O.Walter , SY ESYS