EUROPÄISCHES SEGEL-INFORMATIONSSYSTEM
Von: Walter.Spannagel@schwaben.de ("Walter Spannagel")
Betreff: Seekrankheit
Gesendet am: 27.Jul.1997 00:06:41 +0200
Abgeholt am: 27.07.97 07:04
Moin, Moin,
die Ostseewelle kann ja manchmal schon gemein sein. Und da ich als Schwabe
ganz schön weit weg von meinem Boot wohne, habe ich es mir zur Angewohnheit
werden lassen, erst mal Seebeine zu bekommen. Das heißt:
keine langen Schläge und keine ungünstige Kurse an den ersten 2 Tagen.
Damit hat
sich bereits eine Gewöhnung an die ungewohnten Bewegungen eingestellt.
Darüberhinaus noch ein paar Tips:
Wird es flau im Magen, dann wird es noch flauer, wenn sich darin Dinge wie
Zwiebelmettwurst
Leberwurst (egal ob Pfälzer oder feine)
oder sonstigen fettige Dinge befinden (auch Ölsardinen möchten gerne ins
Wasser zurück). Also, ein leichtes Frühstück läßt angenehmer aufstoßen.
Alkohol ist ein Freund der Seekrankheit! Wenn an Land ein Schnaps nach
einem reichlichen Essen hilft, so tut er auf dem Wasser den Rest.
Psychologie!
Wer nicht weiß, daß es schaukelt, rollt und stampft, denn kümmert es auch
weniger.
Angst potenziert hier die Gefahr der Seekrankheit - Begeisterung läßt das
Drumherum vergessen.
Wer trotzdem bleich wird, dem muß schnellstens eine Aufgabe gegeben werden,
die seine volle Konzentration erfordert. Mit dem Glas nach Tonnen ausschau
halten hat aber den gegenteiligen Effekt, die Belastung für den
Gleichgewichtssinn ist zu groß.
Keine neue Weisheit ist hierzu das Rudergehen einzusetzen. Genauso gut
können an Deck Kartoffeln geschält werden (bei Neulingen wirklich nur im
Cockpit, nicht unter Deck).
Seekrankheit ist eine wirkliche Krankheit! Das muß der Skipper wissen und
auch entsprechend handeln. Ehr- und Schamgefühle sind hier fehl am Platz.
So halte ich es für sinnvoll, daß bei einem empfindlichen Crewmitglied
beigelegt wird, wenn es auf die Toilette muß. Denn es gibt nichts
schlimmeres bei aufkommender Seekrankheit und grober See, als unter Deck,
ewig lang sich aus dem Ölzeug zu schälen, sich dabei zu bücken, krampfhaft
festhaltend, dann seine Notdurft zu verrichten. Schon manche(r) wurde von
Bord gesegelt.
Es tut auch gut, wenn gerade der Skipper (entschuldige Skipperin) sich
selbst als Mensch darstellt und nicht als allgefeites Wesen. Die Crew soll
ruhig wissen, daß Skip auch schon gekotz hat. Das hat übrigen einen
angenehmen Nebeneffekt: es wird aus falscher Scham nicht heimlich unter
Deck, sondern über die Reling gefüttert.
Nun, soweit meinen Tips. Ich denke die Verantwortung des Skippers betreffen
neben der sicheren Schiffsführung und der generellen Verantwortung über die
Sicherheit der Crew auch deren Wohlbefinden. Das heißt dann im Klartext:
auch mal einen Törn abbrechen, oder verkürzen oder einen angenehmeren Kurs
wählen. Das sei besonders den Charterseglern gesagt, welche ja unter einem
ungeheueren Termin- und Seemeilendruck stehen.
Daß Seekrankheit ernstzunehmen ist, ist noch nicht allen Skippern bekannt.
Jaque Coustous (leider dieses jahr verstorben) hat auf einer seiner Reisen
deswegen schon einen Mann verloren. Seekrankheit ist tödlich.
Immer eine Handbreit Wasser in der Pütz,
Walle, Skipper der JANIN
walter.spannagel@schwaben.de