EUROPÄISCHES SEGEL-INFORMATIONSSYSTEM
Der 'gemeine griechische Gasthausstuhl'
von Peter O. Walter
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Die Konstruktion ist so einfach wie genial: Vier Pfähle, notdürftig zusammengehalten durch eine trickreiche Kombination von Holzverstrebungen und Drähten, etwa 90 Zentimeter hoch. Auf halber Höhe vermittelt eine vorspringende Konstruktion aus Holzrahmen und kratzigem Strohgeflecht die Illusion einer Sitzgelegenheit.
Doch Vorsicht ist am Platze: Die Breite der "Sitzfläche" ist so großzügig dimensioniert, daß ein Kind im Vorschulalter spielend darauf Platz hat. Dazu kommt, daß die beiden roh behauenen Vorderbeine zwischen 2,17 bis 2,63 Zentimeter über das Strohgeflecht ragen, was jedem anatomisch normalen Mitteleuropäer nach einer Sitzdauer von nicht einmal zehn Minuten aparte Hämatome , garniert mit eingezogenen Schiefern garantiert.
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Selbstverständlich gibt es subtile Variationen dieses Folterinstruments. Gerade in den letzten Jahren hat auch auf diesem Gebiet das Kunststoff-Zeitalter seine unübersehbaren Spuren hinterlassen: Das High-Tech-Modell besitzt anstelle des kunstvollen Strohgeflechts ein geschmackvolles Gewebe aus zauberhaft-buntem Plastik. Dieser Kunststoff verleiht ungeahnten Sitzkomfort: Er kratzt nicht mehr, sondern drückt seinem Be-Sitzer ein anmutiges Streifenmuster auf die Sitzfläche.
Die geographische Verbreitung ist bemerkenswert: Sie reicht von Spanien über Südfrankreich, Unteritalien und Griechenland bis in die Türkei. Jedoch bleibt den Griechen das zweifelhafte Verdienst, diesen Stuhl zum bestimmenden Element ihrer Gastronomie erhoben zu haben.
Über die Herkunft des Stuhls lassen sich nur Vermutungen anstellen: Sie liegt im Dunkel der Vorgeschichte verborgen. Wahrscheinlich haben sich schon Zeus und seine Götterkollegen mit dem Instrument kasteit.
Langzeitschäden, verursacht durch ausdauerndes Sitzen sind geschichtlich durch einen berühmten Maler belegt:
Vincent van Gogh hat so einen Stuhl besessen und das Thema für so brisant gehalten, daß er ihm allein im Dezember 1888 ein Bild (Vincents Stuhl, Tate Gallery, London) widmete Van Gogh wurde verrückt und endete durch Selbstmord.
Auch auf seinem Bild 'Nachtcafe' sind diese Stühle zu sehen.
Er selbst schreibt dazu in einem Brief an seinen Bruder Theo:
"In meinem Bild 'Nachtcafe' habe ich auszudrücken versucht, daß das Cafe ein Ort ist, wo man sich ruinieren, verrückt werden, Verbrechen begehen kann ..."
Jetzt wissen wir, warum ...
All dies läßt Vermutungen aufkeimen, warum diese Spezies "Stühle" immer noch weit verbreitet ist: Zwei Gründe haben sich herauskristallisiert: Zum einen wird der Gast spätestens nach einer halben Stunde schmerzgepeinigt das Feld räumen und einem weiteren ahnungslosen hungrigen Gast Platz machen (Umsatzsteigerung!). Zweitens kann der Kneipenchef auf relativ einfache Art und Weise feststellen, welche der vorbeiflanierenden, kurzbehosten Touristen schon zu Abend gegessen haben, wen er noch mit Erfolg in seine Lokalität abschleppen kann: Die frischen Wundmale an der Rückseite der Oberschenkel sind nur schwer zu übersehen ...