Segeln: Flying Judith auf der Müritz


    EUROPÄISCHES SEGEL-INFORMATIONSSYSTEM
    Flying Judith auf der Müritz
    Törnbericht von Frank Seidel




    Revier-Information Müritz

    Neue Gewässer waren es nicht nur für uns, Frank und Andreas, sondern auch für die Judith, als wir vom 15.07. bis 25.07. die Brandenburger und Mecklenburgischen Gewässer erkundeten.

    Die Judith ist ein 15m² GFK-Jollenkreuzer der Betriebssportgemeinschaft der Landesbank Berlin. Als Mitarbeiter des Konzerns der Bankgesellschaft Berlin hat man die Möglichkeit eines der vier betriebseigenen Boote günstig zu chartern.

    Das Ziel unserer Reise war die Müritz. Ihren Namen, der soviel bedeutet wie "kleines Meer", hat sie wegen ihrer Größe, welche für die lokale Wetterentwicklung und böige Winde verantwortlich ist. Schon an der Betonnung und Befeuerung erkennt man den Bruch zu einer Binnenschiffahrtsstraße. Aber bis zu unserem Meer hatten wir noch etwas an Wegstrecke vor uns.

    Das Boot törnklar zu machen braucht natürlich etwas Zeit und so ging es nach dem Einräumen und Benzinbunkern um 10.00 Uhr dann endlich los. Untypischerweise über den Wannsee motorend, legten wir gleich den Mast und fuhren vorbei an der Pfaueninsel und über den Jungfernsee in Richtung Oder-Havel-Kanal, da die direkte Fahrt durch Berlin wegen des Schleusenbaus in Spandau derzeit behindert ist.

    Nach den ersten 6 Stunden unserer Fahrt erreichten wir die erste der vor uns liegenden 33 Schleusen, die Schleuse Schönewalde. Noch ein kleines Stückchen und dann ging es endlich mal in Richtung Norden. Geplagt von der ungewohnten Motorerei, gingen wir im Lehnitzsee bei Oranienburg vor Anker und badeten, da der Regen kurzzeitig aufgehört hatte, den Törn an.

    Kurz hinterm Lehnitzsee wartete dann schon die Schleuse Lehnitz , mit 6 Meter Hub die größte der Fahrt, auf uns. Um im Zeitplan zu bleiben, mußten wir noch schleusen, obwohl es schon 20.30 Uhr war. Zur Nacht verblieben wir vor der Schleuse Liebenwalde, die wir erst in stockdunkler Nacht um 23.00 Uhr erreichten. Am zweiten Tag erreichten wir dann schon die Mecklenburgischen Gewässer. Das bedeutete um 7.00 Uhr Schleusung in Liebenwalde.

    Die erste Rast machten wir in Zehdenick, nachdem wir die Schleuse Bischofswerder hinter uns hatten und die Zugbrücke vor der Schleuse in Zehdenick vor unserer Nase zuging. Die Schleuse Zehdenick ist ein historisches Bauwerk, bei der die Schleusenkammer nicht wie gewöhnlich durch das Bergtor, sondern durch seitliche Kanäle geflutet wird. Dieses birgt jedoch nur Gefahren, wenn man die Markierungen an der Schleusenmauer ignoriert. Nach dieser sehenswerten Schleuse wurde auch die Kanallandschaft interessanter. Verwachsene Stichkanäle und Bauten boten sehr abwechslungsreiche Eindrücke (Bild3).

    Wenig später verließen wir den Kanal und fuhren nun auf der Havel in Richtung Müritz. Die Landschaft wurde nun zu der Idylle die man von dieser Gegend Brandenburgs erwartet. Schilfgürtel, unberührte Wälder, eine unsagbare Vielfalt an Flora und Fauna stellt sich zur Schau. Der Weg der Havel zieht sich schlangenförmig durch die Landschaft, so daß wir vorausfahrende Boote wie Autos vorbeifahren sahen. Hier war es einfach nicht möglich unseren 6PS- Flautenschieber wie gewohnt zu touren, so sehr waren wir gefangen von der Schönheit der Natur. Den Preis des Nichteinhaltens des Zeitplanes zahlten wir dafür gern. Vier Schleusen hatten wir in dieser Gegend zu passieren. Unter ihnen ist die Schleuse Schorfheide, mit einem Hub von 60 cm die kleinste der Fahrt.

    Nach dieser wunderschönen Naturfahrt auf der Havel, kamen wir zum Stolpsee bei Himmelpfort. Jetzt war es mal wieder Zeit, in die Fluten zu springen und so gingen wir an der erstbesten Stelle vor Anker. Der See ist groß, die Sonne scheint - also Mast gestellt, Segel gehißt und Richtung Fürstenberg gekreuzt. Die angenehme Damenbrise beschert uns ein ruhiges Segeln zum Ausklang des Tages. Vor der Nachtruhe schleusten wir uns noch durch Fürstenberg und die Schleuse Steinhavel. Leider war es schon am dämmern als wir die märchenwaldhafte Steinhavel entlang motorten. Auf dem Ellbogensee bei Strasen schwojten wir über Nacht um unseren Draggen.

    Weiter ging’s in Richtung Müritz. An der ersten Schleuse des Tages, in Strasen, holten wir Brötchen und frühstücken ausgiebig. Uns trennten nun nur noch die Schleusen Canow, Diemitz und Mierow von der Müritz. Mit der Schleuse Canow erreichten wir Mecklenburg-Vorpommern - eine Landschaft geprägt von der Eiszeit, zerklüftetes Land in dessen Rinnen Wasser diese einzigartige Seenlandschaft bildet. Die Plattenseen haben Tiefen um die 20 Meter. Diese seenreiche Gegend zieht auch andere Wassersportler, Motorboote und Urlauber auf Charterbooten an, so daß wir gut daran getan hatten, früh aufzubrechen.

    In dieser Gegend, zu dieser Zeit sind Schleusenwartezeiten von 3 Stunden keine Seltenheit, ab 12.00 Uhr wird’s kriminell. Da wir aber gut geplant hatten, sind wir zu dieser Zeit schon auf der kleinen Müritz, am "Südeingang" der Müritz, schwojten um den Draggen und aßen Mittag. Nach einem kleinen Schläfchen und einer Runde schwimmen, stellten wir genüßlich den Mast und klarten das Schiff auf. Leider ging bei einem Telefonat auf dem Vorschiff unser Kommunikationsmittel über Bord - eine bleibende Erinnerung an diesen Ankerplatz. Mit Halbwind-Kurs und Backbordschoten verließen wir die kleine Müritz Richtung West.

    Nun auf der Kreuz in Richtung Müritz nahm der Wind stark zu - der Atem der Müritz. Nun sahen wir sie auch. Der Wind pfiff durch die kleine Einfahrt und nun konnten wir auch die Dünung sehen, die durch den über die ganze Länge der Müritz wehenden Wind entsteht. Jollen bargen die Segel, Motorboote stampften durch die Wellenberge, überall weiße Kämme - da hatten wir doch einen der ungemütlichen Tage erwischt. Noch unter Segel warfen wir schon mal das Ölzeug über, bevor uns die Düse erfaßte. Zu wenig Höhe für die Welle, zu viel für die Jolle - also Segel bergen und Flautenschieber an.

    Jetzt stampften auch wir gegenan. Die Persenning über die Rollfock zu ziehen war auf dem stampfenden Vorschiff eine extravagante Balanceübung. Aber auch bei der Großbaumpersenning mußte man sich ganz schön festhalten. Die Schotts waren alle eingesteckt, das Schiebeluk dicht. Wir saßen wasserdicht eingepackt in der Plicht und ließen uns die Gischt vom Bug durch den Wind ins Gesicht blasen. An dieser Stelle mal ein Riesenlob an unseren dritten Mann, den 6PS Außenborder, der uns auf dieser Fahrt keine Minute im Stich gelassen hat, morgens und an jeder Schleuse sofort und zuverlässig gestartet ist und uns bei ordentlich Wind und Welle sauber über die Müritz und durch die Kanäle geschoben hat.

    Der Wind hatte jetzt so stark aufgefrischt, daß wir mittlerweile das einzige Boot in Sichtweite waren. Der Himmel hatte sich bedrohlich verdunkelt und über dem Festland zuckten die ersten Blitze. In kurzen Abständen warfen wir einen Blick in die Kajüte, weil das Stampfen in die Seen doch eine ziemliche Belastung für die Judith war und die Belastbarkeit des GFK nur schwer einzuschätzen war. Trotz der starken Belastung hielt der Schwertkasten eisern durch, nicht ein bißchen Wasser kam ins Schiff. Nicht so belastbar hingegen war die Pinne. Leider mußten wir einen Bruch am Verbindungsstück zum Ruderblatt feststellen. Ab jetzt war zusätzlich zum Wetter, mittlerweile hatte es natürlich auch noch angefangen zu regnen, auch noch Feingefühl an der Pinne gefragt.

    Doch plötzlich geschah etwas unerwartetes. Der hochgelobte Motor tourte weniger, das Schiff verlor Fahrt, in Lee kam eine Fahrwassertonne näher. Was war los? War der Motor überhitzt? Zu wenig Öl? Oh, nein, Benzin alle - wir fuhren ja schon ein paar Stündchen gegenan, unter vollen Touren. Da die Pinne starr mit der Rudergabel verbunden war, mußten wir einen Kreis fahren um an den Tank zu kommen - welche Fehlplanung (Man kann den Tank auch in die Plicht stellen - Anmerkung des Spartenleiters). Instabil schaukelnd, die Fahrwassertonne in Lee kam immer noch näher, füllten wir in Rekordzeit Kraftstoff nach (gut das wir vorher schon die Mischung hergestellt hatten) und ohne einen Gefahrenmoment setzten wir die Fahrt nach Röbel fort. Nach diesem Schreck wurde das Gewässer kurz vor Röbel langsam ruhiger.

    Hinter der Einfahrt in den geschützten See in Röbel kamen uns die vergangenen Stunden ziemlich unwirklich vor, so ruhig war das Wasser hier. Andreas bewaffnete sich schon mal mit dem Bootshaken, da das Anlegemanöver kurz bevorstand. Zum wahrschauen begab er sich aufs Vorschiff. Scheinbar saß ihm aber noch der Schreck vom leeren Tank und vom Pinnenbruch in den Knochen und so ging er trotz des ruhigen Gewässers und der langsamen Fahrt samt Bootshaken wie eine Kerze über Bord. Wenn nicht ein Dampfer, der in Röbel einlief, genau auf ihn zu gehalten hätte, wäre die ganze Aktion leicht verdaulich gewesen. So gab es doch einige Schreckmomente, da Andreas mit der Luftblase auf dem Rücken (Ölzeug) nicht schwimmen konnte. Mit dem Bootshaken konnte er dann doch geborgen werden.

    Nach dieser Aktion, die den Besuchern des naheliegenden Restaurants "Seglerheim" eine willkommene Attraktion bot, machten wir an der Stadtpromenade unter Heckanker, Vorleine und Spring fest. Am nächsten Tag brachten wir die Pinne zu einem Bootsbauer. Den Rest des Tages erkundeten wir Röbel und machten Bootsschau im neuen Hafen. Mittlerweile kamen immer mehr Boote und legten an der Promenade an, auch dort wo eindeutiges Liegeverbot war. "Auf der Müritz sind 6 Bft und mehr!" hieß es "da wird uns wohl keiner wegschicken.". Froher Dinge holten wir am folgenden Tag die sauber verklebte Pinne vom Bootsbauer. Da wir uns in der freien Zeit genug Gedanken über Verbesserungen an der Judith machen konnten, kauften wir unter anderem einen Klappbolzen, um die Pinne beweglich einzubauen.

    In Gedanken ans Ablegen vertieft, bauten wir die Pinne ein und waren entsetzt, als sie mit einem berstenden Knack an der gleichen Stelle nochmals brach. Also wieder zum Bootsbauer, und wieder den Rest des Tages rumkriegen. Mit dem Rumkriegen hatten wir dann aber Glück, denn spät in der Nacht wurde ein spektakuläres Höhenfeuerwerk gezündet. Der zweite Versuch mit der Pinne ist dann geglückt. Jetzt hat die Pinne zwei zusätzliche Verschraubungen an der Bruchstelle, das sollte eine Weile halten.

    Nach dem Aufklaren des Bootes brachen wir dann um 13.00 Uhr auf. Kaum aus der geschützten Bucht heraus, wehte uns eine deftige Brise entgegen. Die Dünung stand mindestens so hoch wie beim ersten Kontakt mit der Müritz, nur das es zusätzlich noch ordentlich regnete. Also wieder gegenan motoren, wieder regelmäßig Schiebeluk auf und zu und wieder ordentlich Gischt abbekommen. Nach einigen Stunden, als wir in die Warener Müritz einliefen, wurde die Dünung weniger. Der Wind blies immer noch kräftig aus Nord. In Waren machten wir im windgeschützten Hafen fest und gingen auf eine kleine Ortserkundung. Über Nacht legten wir uns vor der Müritz-Elde-Wasserstraße um den Draggen schwojend zur Ruhe. Am nächsten Morgen war dann der "große" Schlag von Waren zur kleinen Müritz fällig. Der Wind blies weiter aus NNO, das erste Mal hatten wir einen sonnigen Tag. Vorm Anker liegend hißten wir das Großsegel und brauchen, nachdem wir den Anker aufgeholt hatten, nur noch abzufallen und Kurs aufzunehmen. An diesem Tag konnten wir endlich einmal ohne Motor fahren. Mit Vollzeug Platt-Vor-Laken ging es in den Süden (SSW), raus aus der Warener Müritz. Ein herrliches Segeln, ein Rauschen, ein Gleiten - nur die Wellen waren schneller. Das Heck saugte sich tief ins Wasser.

    Nach dem Leuchtfeuer Waren änderten wir den Kurs in Richtung Müritz-Mitte auf SO, unbedingt mußten wir ja noch ein Müritz-Mitte-Tonnen-Foto machen. Jetzt mit Raumschot-Kurs, die Schoten aus der Hand fierend, flogen wir mit der Judith über die Müritz. Der Wind legte nochmals zu, die Dünung wurde immer höher. Mit der Dünung nahm dann auch der Ruderdruck zu und letztlich mußte man sich schon mit den Füßen in Lee abstützen um auszugleichen. In jeder Böe schien die Judith abheben zu wollen. Der Wind war ebenso kräftig wie an den Tagen zuvor, jedoch gepaart mit warmem Sonnenschein. Dann kam die Müritz-Mitte-Tonne. Doch kaum konnte man das erste Foto machen, da flog sie auch schon an uns vorbei - Flying Judith in Rauschefahrt. Die doppelte Wegstrecke der beiden anderen Teilstrecken hatten wir nun in der Hälfte der Zeit geschafft. In der kleinen Müritz gingen wir zur Nachtruhe dann wieder vor Anker. Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg auf einen Abstecher zum bekannten Schloß Rheinsberg. Weshalb das ein so tolles Schloß ist, wurde uns klar als wir das unglaublich saubere, klare Wasser im Rheinsberger See sahen.

    Dieses lud uns ein, die Judith mal einer ordentlichen Außenwäsche per Schrubber zu unterziehen. Toll, wie das Schiff danach strahlte. Jetzt machten wir uns gemächlich auf den Rückweg und genossen die Landschaft, die wir auf dem Hinweg nur flüchtig hatten wahrnehmen können. Wir ankerten hier und da, stellten und legten den Mast und segelten überall dort, wo man nur konnte. Als Übernachtung boten sich die Liegeplätze an den Schleusen an - eine echte Empfehlung. Von dort aus ist es auch kein Problem diverse Lokalitäten aufzusuchen sowie Frischwasser und Benzin zu bunkern. Wieder vor Berlin, entschlossen wir uns für den direkten Weg durch die Stadt. Da, wie schon erwähnt, die Schleuse Spandau gesperrt ist, muß man über den Hohenzollernkanal zur Schleuse Plötzensee, vorbei am Westhafen zur Schleuse Charlottenburg und unter der Rudolf-Wissell-Brücke hindurch wieder zur Havel. Den Flußlauf der Havel folgend kamen wir, den Rest der Strecke nochmals segelnd, wieder am Großen Wannsee an und machten, jetzt gut trainiert, im Heimatstand fest.

    (Autor und Copyright:
    Frank Seidel
    Karl-Liebknecht-Str. 11
    14547 Beelitz, Tel. 033204-34857
    email: seideltronic@t-online.de)

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