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Mit der "Mary-Anne"
durch die Kanarischen Inseln

Ein Törnbericht von Peter O. Walter
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Linie [Mary Anne] [Reederei] [Selber Bericht mit Bildern]



Freitag, 26. März 1999
Nach anstrengender Flugnacht - Streik der Iberia, 2 Stunden Verspätung in München, Barcelona 01 Uhr, Madrid 2.30 Uhr, umherirren, bis richtiges Office gefunden, Hotel 2 Std. Schlaf, 08.30 Start nach Las Palmas, kein Gepäck da. Iberia verspricht nachsenden. Aber wir sind ja jeden Tag wo anders ;-((
Flug mit dem Inselhüpfer nach Fuerteventura.
Also Iberia kann man wirklich empfehlen, da kommt keine Langeweile auf.

Nun hatten wir also einen Segeltörn auf einem Großsegler, eben der "Mary-Anne" gebucht.
Was bewegt einen ganz normalen Fahrtenskipper einen Törn auf einem Großsegler zu buchen? Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht so ganz genau. Die Technik eines solchen Schiffes hautnah zu erfahren? Weitere Erfahrungen zu sammeln? Einfach mal die Hände in den Schoß zu legen und nicht immer den "Leithammel" als Skipper spielen zu müssen?

Samstag, 27. März 1999
Am Hafen in Morro Jable angekommen hat sich eine Fähre breitgemacht. Keine "Mary-Anne" weit und breit. Aber zwei Minuten, nachdem der dicke Brocken den Hafen verlassen hat, biegt die "Mary-Anne" um die Ecke und legt längsseits an. Schon beim Annehmen der Leinen wird der der Unterschied deutlich: Fünf Zentimeter stark sind die Dinger, das riecht stark nach Arbeit. Aber man muss ja nicht ...

Endlich an Bord, puh ..
Gottseidank hatten wir die Bordkasse der Reederei Meyer zur Heyde im Reisegepäck, so dass der Käptn auf uns warten musste. Auch nicht so schlecht, sich beim Kapitän sich gleich mit der Bordkasse einzuführen?

Welcome-Drink, die Crew erweist sich als sehr freundlich und hilfsbereit. Geduldig beantwortet Skipper Andreas Fragen, sicher zum hundertsten Mal dieselben.
Wir sind nur 14 Gäste an Bord, da behält man leicht den Überblick.
Unsere Kabine heißt "Deutschland", benannt nach dem Segelschulschiff "Deutschland". Wir fühlen uns gleich wie zuhause, schlafen ja in Deutschland. Geräumig sind die Kabinen ja schon, wenn man den normalen Yachtstandard gewohnt ist. Nu haben wir Stauraum ohne Ende, aber leider kein Gepäck ...

Sonntag, 28. März 1999
Punkt sechs Uhr weckt uns die Maschine, hab ich mir eigentlich ein wenig leiser vorgestellt. Macht nix, kommen gleich heimische Gefühle auf. Aber heute gönnen wir uns noch eine Mütze voll Schlaf.
Acht Uhr, aufstehen: Die Morgensonne scheint, Wind um die 5 bis 6 Bft., die Temperatur ist angenehm. Eine Tasse heißen Kaffee, eine Zigarette.
Im Rigg turnen schon zwei von der Crew rum, auf dem Vorschiff wird gearbeitet.
Mal schaun ...
Denkste!
Ehe ich mich versehe, ("Kannste ma kurz hier ziehn") bin ich schon mit dabei, obwohl ich davon so viel verstehe, wie ein Kamel vom Schlittschuhlaufen.
Groß, Jager, Klüver, am Fockmast Unter-, Obermars- und Brahmsegel, dazu noch das Großstagsegel. Die Jungs leisten Knochenarbeit. Wir Touris kriegen, wenn überhaupt, nur die körperlich leichten Jobs.

Jetzt kommt der schönste Moment des Tages: Engine off, göttliche Stille breitet sich aus. Die "Mary-Anne" neigt sich leicht auf die Seite und legt los. Vier Knoten, fünf, sechs, erst bei sieben bleibt die Logge stehen. Gut so.

Richard, erster Offizier, gebürtiger Pole und 62 Jahre alt, hat Wache im Kartenhaus. Akribisch, fast liebevoll pinselt er die Position auf die Seekarte. Nicht irgendwie, er macht Kreuzlein und Kreis mit Schablone, daneben ein Strichlein mit Lineal(!) und die Uhrzeit.
"Gewohnheit", meint er lapidar.

Da sitz ich jetzt im Salon und klopf den Bericht in die Tasten. Ute, die quirlige Managerin des Schiffes und "Mädchen für alles" kommt vorbei und kuckt mir interessiert über die Schulter. Ich erkläre ihr, dass ich den Bericht für ESYS schreibe und dass ich dieses ESYS mache.
"WAAS?, DU bist der?? Wir haben hier Internet am Schiff und eigentlich schau ich immer nur Da rein!"
Ute ist ganz von den Socken.
Liebes Mädchen. Hat einen guten Geschmack. Ich mag Ute. ;-))

Zum Mittagessen gibt es ein Pasta-Buffet, Nudeln verschiedener Art, Currysauce, Fleischsauce, Pilzrahmsauce, Salate, Cremes als Nachpeise. Reichhaltig und lecker. Ein Glas Rotwein, gäähhn ...
Ab in die Koje und Schlaf nachholen ...

Die Maschine weckt mich, raus aus den Federn.
Wir sind in Lee von Gran Canaria: Der Seegang ist weg, der Wind leider auch.700 qm Segelgarderobe werden weggenommen. Das geht überraschend fix.
Schade.
Die Alarmsirene holt mich vom Laptop weg: Probealarm.

Sjoerd, 22 Jahre, Holländer und Steuermann macht eine Sicherheitseinweisung: Schwimmwesten, Mann-über-Bord, Feuer, Rettungsinseln.

Um 5 Uhr sind wir in Puerto de Mogan auf Gran Canaria, ein putziger kleiner Hafen. Die Einfahrt ist 50 Meter breit und genau hier ist der einzig mögliche Platz für die "Mary-Anne".
Ein kitzliges Anlegemanöver, wie der Skipper sagt. Die "Mary-Anne" stoppt auf, das Dinghi fährt voraus um Einiges vorzubereiten. Rückwärts dirigiert der Skipper die Barkentine per Joystick zentimetergenau an den Kai, aber nicht ganz ran, denn deutlich sichtbar lauern ein paar Felsbrocken am Kai. Eine Mooring am Heck und der Anker halten die "Mary-Anne" 2 Meter vom Kai ab. Ein Bilderbuch-Manöver, vorne ragt unser Schiff noch zur Hälfte aus dem kleinen Hafen. Der Skipper ist zufrieden.
Auf dem Kai sammeln sich die ersten Touristen um die "Mary-Anne" zu bestaunen. Die Gangway wird ausgebracht. Einige der Gucker fassen das als Einladung auf, wollen an Bord kommen. Die Crew weist sie freundlich aber bestimmt ab.
Maschineningenieur Uwe mault: "Hab ich doch schon immer geagt, wir brauchen ein Schild. Aber mir glaubt ja keiner..."

Montag, 29. März 1999
Um acht geht es weiter. Auch hier wieder souvarän der Skipper beim Ablegemanöver: "Abzulegen ist oft noch schieriger als hier reinzukommen. Da drüben liegt unser Anker."
Er deutet auf eine Stelle etwa 80 Meter steuerbord voraus auf den Wellenbrecher.
"Da müssen wir ziemlich dicht ran. Geht aber nicht anders."
Die tägliche Schiffszeitung liegt schon bereit, um uns Gäste über den Ablauf des Tages zu informieren.

Grafik Mary-Anne


Clubsegelschiff "MARY-ANNE" e.V.

Montag, 29. 03. 1999

Allen Gästen einen „Guten Morgen“!

Nachdem wir gestern nach einem, hoffentlich für alle, schönem Segeltag Puerto de Mogan erreicht haben, kommt heute der größte Berg Spaniens, der imposante Teide, in Sicht. Wir hoffen, daß Ihnen der Aufenthalt in Puerto de Mogan den versprochenen Spaß gebracht hat. In - hoffentlich - kurzer Zeit werden wir den Pico de Teide sehen, den höchsten Berg Spaniens. Vor kurzem war er noch voll mit Schnee bedeckt, so daß Sie sich fast wie zu Hause hätten fühlen können.

Wetterinformation:

Windstärke:        4 - 5  Bft.        Lufttemperatur:        22°
Windrichtung:        Nördliche        Wassertemperatur:        18°
Wellenhöhe:        1 - 1,5
Wetterlage/Entwicklung:        stabil        

Landschaft und Wissenswertes:

Teneriffa ist die größte Insel des Kanarischen Archipels. Die Nordküste einschließlich des Teno-Gebirges im Nordwesten und des Anaga-Gebirges im Nordosten fällt steil ab und ist durchzogen von tiefeinschneidenden Barrancos, während die Süd- und Westküste flacher auslaufen. Den Reiz der Insel, die den Beinamen „Insel des ewigen Frühlings“ trägt, bilden die unterschiedlichen Naturlandschaften. Bereits vor zwei Jahrhunderten wurde der Naturforscher Alexander von Humboldt von der Insel fasziniert. Das fruchtbare, blumenreiche Orotavatal bei Puerto de La Cruz, die Pinienwälder des Zentralgebirges und die Bananenplantagen sowie Obst- und Gemüseanbaugebiete im Norden bilden einen starken Kontrast zum nackten Vulkangestein der Südküste.

Vorschlag für Landprogramm:

Wir werden den Hafen voraussichtlich gegen 16.00 Uhr erreichen. Sie können dann nach der Siesta einen Stadtbummel unternehmen oder sich weiterhin an Bord entspannen.

Für den Folgetag werden wir Ihnen eine Sight - Seeing - Tour anbieten. Es gibt viel Sehenswertes zu entdecken.

Ihre "MARY-ANNE" Crew wünscht Ihnen einen entdeckungsreichen Tag

In Lee von Gran Canaria erwartet uns Flaute. Sechshundert PS nehmen ihre Arbeit auf.
Eineinhalb Stunden später auf der offenen See haben wir 5 Bft aus NNO. Segel setzen, Arbeit für die Crew. Die ersten Gäste helfen mit.
Aber der Wind ist etwas ungünstig und so muss die Maschine mithelfen.
Der Spruch des Tages von Matthias, unserem Barkeeper:"Zwei Drittel der Erdoberfläche sind Wasser, der Rest ist zum Anlegen da."

Ankunft in Teneriffa um 16.00 Uhr. Die Gäste gehen Bummeln.
Von 18.00 bis 19.39 Uhr ist "Happy Hour" an Bord. Drink des Tages: "Lady Bird"
Abendessen, gemütliches Beisammensitzen im Salon.

Dienstag, 30. März 1999
Landausflug per Minibus zum Teide. Unsere Führerin erwähnt so nebenbei, dass diese Wälder aus kanarischen Kiefern bestehen. Die haben eine besondere Eigenschaft. Bei einem Waldbrand brennen nur die Nadeln, die kleineren Äste und Zweige ab, nicht aber der Stamm. Der treibt bald wieder aus und nach zwei Jahren hat sich der Wald fast wieder regeneriert.
Wir nehmen ein paar Kiefernzapfen mit. Mal sehen, ob sich auf den griechischen Inseln oder in der Türkei was damit anfangen läßt?

Zurück am Schiff erwartet uns eine angenehme Überraschung: Unser Gepäck ist endlich da! Also blitzschnell sind die schon bei Iberia: Dauert keine vier Tage, und schon ist das Gepäck da ...
Für heute ist ein spanischer Abend an Bord geplant: Die Crew faltet kunstvoll Servietten in rot-gelb, den spanischen Landesfarben. Andere holen die Silberleuchter aus der Versenkung und polieren die edlen Teile.
Auf der Dinnerkarte steht "Paella nach Art des Landes" und "Ananaschiffchen". Barkeeper Matthias hat schon den Rotwein geöffnet.
Man darf gespannt sein ...
Happy Hour, Matthias:"Heute gibts einen "Sunrise". Mit Wodka oder Tequila?"
Wodka ist mir lieber.

Mittwoch, 31. März 1999
Mitternacht: Ablegen
Ich wache erst wieder auf, als die Maschine die "Tonart" wechselt: Leerlauf, kurz Vollgas, wieder Leerlauf.
Aha, Anlegemanöver. Wir sind in Las Palmas auf Gran Canaria.
Nach dem Frühstück wird das Deck gereinigt (von der Crew). Alle Türen und Fenster zu. Bordingenieur Uwe zu Beate, die hinter der Bar steht: "Nu mach doch ma die Lüftung auf, solln wir hier ersticken?"
Beate findet den Schalter nicht.
Uwe muss es selber machen: "Früher hat man solche Weiber verbrannt. Leider ist dieser schöne Brauch heutzutage in Vergessenheit geraten!"

Der Stadtbummel durch die Altstadt von Las Palmas macht mich nicht sehr an: Großstadtbetrieb, viel Verkehr.
Zurück bei der Mary-Anne erwartet uns eine Überraschung: Hinter uns hat die "Rainbow Warrior" von Greenpeace festgemacht. Mal schaun, ob sie mich an Bord lassen.
An der Gangway hangt ein Schild: "Ship closed". Das ist nicht gerade ermutigend. Trotzdem frage ich, ob ich den Skipper sprechen kann.
"I'm from Mary-Anne."
"Oh, come in!"

Der Skipper empfängt mich freundlich. Ich erkläre ihm, dass ich im Internet aktiv bin, ESYS.ORG.
"You are from ESYS? I know it. Phantastic server.
We are in the internet, too. greenpeace.org.
Da kann ich mich revanchieren: "I know, we have a link to you on our environment-page."
Der Skipper reicht mich an seinen Funkoffizier weiter: "This is Thom Looney, our communications-officer."
"Hi, Peter!"
Thom aus Tennessee ist Mitte dreissig, leger, Jeans, das T-Shirt nicht mehr ganz frisch.
Er führt mich in den Funkraum. Fast hätte es mich rückwärts aus dem Raum katapultiert, eine solche Hitze. Kein Wunder: Drei Rechner, und unzählige andere Geräte sind am Laufen. Zwei Computer liegen aufgeschraubt rum, dazu Hardware-Teile, Karten. Kabelgewirr ohne Ende. Hier ist ein Profi am Werk ...
Er versucht mir alles haarklein zu erklären. Ich kapiere nicht mal die Hälfte.
Er gibt mir die Email-Adresse: "But not for public use! We get enough junk-mails."
Wir versprechen in Kontakt zu bleiben, wir kriegen News von der "Rainbow Warrior". Dann führt er mich durch das Schiff: Brücke, Werkstätten für Schreiner, Mechaniker, Schlosser, Küche, Salon, Bootsdeck.
Hier liegen fein säuberlich festgemacht fünf stark motorisierte Schlauchboote, die einen etwas martialischen Eindruck machen.
"We can launch them in full speed! But this needs a lot of exercise."
(Wir können die Dinger in voller Fahrt aussetzen. Braucht aber viel Training)
"Kleiderkammer": Hier liegen die Anzüge für die Einsätze der Schlauchbootbesatzungen, zahllose Lifebelts und Schwimmwesten unterschiedlichster Art, Taucherausrüstungen, Kompressoren ...

Das Abendessen war wieder mal Klasse: Nach der Vorspeise (Tomatensuppe) gab es eine kalte Platte mit Lachs, Kaviar, Roastbeaf mit Knoblauchsahne, dazu als Nachspeise eine exzellente Käseplatte.
Noch ein gemütlicher Ratsch mit Crew und Gästen bei ein paar Glas Wein, dann geht es ab in die Koje.

Donnerstag, 1. April 1999
Auszug aus der heutigen Schiffszeitung:

Allen Frühaufstehern und Langschläfern einen Guten Morgen!
"Wir sind um 4.00 ausgelaufen, um vor Morro Jable, unserem Ausgangshafen vor Anker zu gehen. Dort werden die Mutigen die Chance haben, sich in die Atlantikfluten zu stürzen.Und am Abend wollen wir den Bewohnern von Gran Tarajal, die von uns so begeistert sind, dass sie uns mit einer typisch kararischen Blaskapelle empfangen, unser Schiff zeigen.
Während unser Windjammer dann die Küste Fuerteventuras entlang nach Norden fährt, wird man ständig daran erinnert, wie nahe die Kanaren am afrikanischen Kontinent liegen: Unbewachsene Hügel, riesige Sanddünen, Kakteen und Palmen bestimmen das braungelbe Landschaftbild der zweitgrößten Insel der Kanaren. Häufig trägt der Passatwind den feinen gelben Wüstensand der Sahara bis hierher.
An einigen Kaps verstärkt sich der Wind ungemein. Im Norden von Corralejo, am Istmo de Pared bläst es oft mit 25-30 Knoten. Dieses Starkwindrevier zeigt häufig weiße Schaumkronen und verhilft den Surfern zu Geschwindigkeitsrekorden.

Am Abend findet ein BBQ in einem Restaurant in Taralejo statt."


11.15 Uhr: Wir ankern vor dem Sandstrand von Morro Jable auf 15 Meter Wassertiefe. Richard ist am Ruder. Er stellt die Mary-Annne in den Wind, gibt Zeichen, keine lauten Kommandos. Hier läuft das lautlos. Die Crew ist eingespielt. Sechzig Meter Ankerkette rauschen aus. Bremse (der Ankerwinsch!), Mary Anne steht.
Die Badeleiter wird ausgebracht. Man geht schwimmen.
Am Strand ist der Club Robinson.
Mit Hobie Cats.
Umziehen, "Kampfanzug" und rüber mit dem Schlauchboot.
Beim Club ist man recht kooperativ und eine halbe Stunde später bin ich mit einem Hobie 14 unterwegs. Der Wind ist mäßig, gerade gut zum Gewöhnen an die fremde Mimik des Cats. Die ersten Wenden gehen noch etwas holperig, dann aber läuft die Kiste.
Eine Bö, juhu!
Urplötzlich steigt das Ding, anluven, Großschot loswerfen. Puuh ...
Unter den Augen der Mitsegler auf der Mary-Anne in den Bach zu gehen, wäre dann doch etwas peinlich.
Es sollte die einzige Bö sein. Schade.
Mit mir sind noch zwei weitere Hobies draussen, 16er (d.h. Zweimann-Cats).
Mal schaun. Ich segle ihnen entgegen, Wende, warten (in Luv ;-))bis sie vorbei sind. Gewichtstrimm überprüfen, Segel einstellen und nix wie hinterher.
Zwei Minuten später habe ich die "Konkurrenten". Sie winken freundlich rüber, statt an den Schoten zu zupfen. Sind keine Regattesegler, schade.
Zurück an Bord hab ich das Mittagessen versäumt, Schweinerücken mit Blumenkohl. Aber bei der üppigen Verpflegung kann man schon mal eine Mahlzeit auslassen ...
Um 4 Uhr geht es weiter, die elektrische Ankerwinsch holt ohne Murren 60 Meter Kette und den 450 kg schweren Anker. Festschäkeln, fertig. Der Windjammer nimmt Fahrt auf, es geht weiter an der Küste Fuerteventuras entlang.
Jetzt ist auch Zeit für unseren Aprilscherz: "Bobby Schenk hat bislang unbekannte Insel in der Südsee entdeckt". Die Position ist auch angegeben, leider hat die Sache einen Haken: Sie ist absichtlich falsch. Wer sich auskennt mit der Navigation, stellt sofort fest, dass die Position nicht im Pazifik, sondern im ATLANTIK liegt.
Wir holen uns den Artikel aus dem Internet, Ute, die Bordmanagerin (sie und Mathias, der Barkeeper sind eingeweiht) druckt alles aus und pinnt es in der Messe ans Schwarze Brett. Einige von der Crew versammeln sich drumrum.
Wir sind gespannt, was jetzt passiert ...
Reaktionen aus dem Internet
In der Zwischenzeit kommt Wind auf. Die Crew setzt Segel, wir helfen mit, soweit unsere mangelnden Fachkenntnisse das zulassen. Keine Welle, 6 Beaufort, die Mary-Anne segelt mit acht Knoten.
Da kommt Freude auf.
Leider ist der Spaß eine Stunde später zuende. Wind weg. Garderobe runter, das wars.
Maschine.
Mit der Arbeit vergeht die Zeit schnell. Wir haben schon "Happy Hour". Drink des Tages: Gin-Tonic
Kaum am Kai von Gran Tarajal (Fuerteventura) angelegt, steht schon ein Bus bereit, um die Gäste zum Barbeque im Restaurant "Ponderosa" in Taralejo abzuholen.
Aber weit und breit keine Blaskapelle!
Einige Gäste fragen enttäuscht beim Skipper nach, wo den die Blaskapelle sei?
Der grinst nur kurz und fragt, was wir denn heute für ein Datum hätten.
Alles klar ...
Wurde wieder mal ein langer Abend ...

Freitag, 2. April 1999
Heute steht "nur" Segeln auf dem Programm, das bedeutet harte Arbeit für die Crew. Wir sind an keinen Zeitplan gebunden und erst wieder gegen 17 Uhr im Hafen von Gran Tarajal.
Fast noch bei Windstille werden alle Segel gesetzt, bald darauf kommt Wind und die Mary-Anne nimmt Fahrt auf, 2, 2,5 3, 4 Knoten. Kein Seegang. Bordingenieur Uwe überlegt, ob er angeln soll.
Dann marschiert unser Rahsegler bei 5 Bft. mit 6 Knoten. Zu schnell zum Angeln.

Nach dem Mittaessen (Filetspitzen Madras mit Safranreis) liegt eine Wende an. Richard ist am Steuer. Ich bin gespannt, weil ich noch nie eine Wende auf einem Windjammer erlebt habe. Richard geht in den Wind, läßt brassen (für Laien: die Rahsegel drehen).
Mary-Anne steht. Kommt nicht rum.
Richard grummelt.
Wende, zweiter Versuch.
Mary hat nicht genügend Fahrt, geht wieder nicht durch den Wind.
Steuermann Sjoerd grinst. Richard ist beleidigt.
"Komm, lass mich mal", meint Sjoerd. Er geht ans Ruder, fällt ab, nimmt ordentlich Fahrt auf. "Deckshands zu mir!"
Die Jungs vesammeln sich um Sjoerd. Er erklärt ihnen, was er vorhat. Dann läßt er den Besan ordentlich dichtnehmen und geht an den Wind. Luvt, bis die Rahsegel erst killen, dann backstehen.
Langsam, in Zeitlupe, dreht der Windjammer, wird langsammer, steht fast.
Sjoerd läßt brassen. Aber dann hat es Mary-Anne geschafft, sie geht behäbig durch den Wind, die Segel füllen sich und wir nehmen wieder Fahrt auf.
Natalie, unsere siebenjährige Tochter, will in den Mast. Mir ist gar nicht wohl bei dem Gedanken, ich habe immer Probleme, wenn ich auf der Albatros in den Mast muss. Ich bin immer froh, wenn ich wieder heil unten bin. Ute, die Bordmanagerin beruhigt mich. Sie geht mit hoch.
Ich finde es gut, wie man sich hier um die Kinder kümmert. Die Wünsche der Kleinen werden genauso ernst genommen, wie die der erwachsenen Gäste.
Bordmanagerin Ute klettert mit Natalie hoch. Dann ist die Maus oben, winkt frech runter.
"Pappi, Pappi, komm auch hoch, das ist cool!"
Nö, vielen Dank, Pappi bleibt unten ...

Der Wind nimmt zu, Mary-Anne wird schneller. Mit acht Knoten pflügt sie unter Vollzeug durch das tiefblaue Wasser des Atlantiks. Schneller als uns lieb ist, sind wir wieder vor Gran Tarajal.
Segel runter. Zuerst das Besantopsegel, Großtopsegel, dann gehen wir nach vorne.
Die Fock, das unterste und größte Rahsegel muß weggenommen werden. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Sache, die Fock wird nämlich beim Bergen zur Rah hoch(!) gezogen.
Wir sind am Fockmast. Der Steuermann zeigt uns den "Stinkefinger".
Was hat er denn, hab ich was falsch gemacht?
Die Deckshands klären mich auf: "Das ist keine Beleidigung, das bedeutet nur 'Hoch die Fock!'"
Der Skipper zirkelt Mary an den Kai. Zeit für die Happy Hour: Matthias' Drink des Tages: "American Beauty"
Lecker.

Während die Gäste ihre Drinks schlürfen, werden die Vorbereitungen zum "Captain's Dinner getroffen, der Salon festlich hergerichtet, Bordmanagerin Ute erstellt auf jedem Tisch kunstvolle Grafiken aus Sand. Weiße Tischdecken, Silberleuchter, kunstvoll gefaltete Servietten. Nach zwei Stunden in der Salon bereit und erstrahlt im Kerzenlicht.
Um acht geht es los: Skipper Andreas in Uniform bittet zum Sektempfang, zieht ein kurzes Resume des Törns, bedankt sich bei den Gästen für die Mitarbeit an Bord, nette Gäste, kurzum, das was man als Skipper halt so sagt, wenn Gäste von Bord gehen. Aber bei Andreas wirkt das nicht aufgesetzt, er meint, was er sagt.
Uwe, der Maschineningenieur und der Koch Marcel gehen von Bord. Uwe zu einem Urlaub, Marcel, weil er Probleme mit der Seekrankheit hatte. Auch bei ihnen bedankt sich Andreas.
Zu Ende des Sektempfangs stimmt die Crew das Mary-Anne-Lied an ("die Mary-Anne aber ließ ihn nicht los").
Naja, segeln können sie besser ...
Trotzdem, es ist schön, und die Gäste singen mit.

Exzellent das Captain's Dinner:




Captain’s Dinner

Freitag, 02. April 1999

Zum Essen empfehlen wir:

Weißwein
1997er Viña Azbache blanco

Rotwein
1997er Viña Azbache tinto


Seranoschinken mit Melone
Toast und Butter

***
Lauchcremesuppe

***
Geschmortes Rinderfilet
Gedünsteter Broccoli mit Butterflöckchen,
dazu Kartoffelbällchen
und Sherrysoße

***
„Mary - Anne“ Surprise

***
Kaffee und Gebäck






„Mary - Anne“ Surprise ist, wie nicht anders zu erwarten, die obligatorische Eisbombe, serviert mit funkensprühenden Wunderkerzen. Nach dem Essen noch ein Plausch an der Bar, dann heißt es Abschied nehmen, die Gäste des ersten Törns gehen morgen sehr früh von Bord.
Schade, es hatte sich gerade eine nette, familiäre Athmospäre entwickelt. In Gran Canaria sollen morgen über 30 neue Gäste an Bord kommen.

Samstag, 3. April 1999
Um acht Uhr weckt uns die Maschine. Ach was, noch mal umdrehen und ein wenig weiterpennen.
Um neun sind wir dann beim Frühstück. Wir sind für die Fahrt nach Gran Canaria die einzigen Gäste. Noch haben wir in Lee von Fuerteventura keinen Wind.
"Delpine!"
Eine Schule der Meeressäuger spielt sich in der Bugwelle, verschwinden aber bald wieder.
Eine Brise kommt auf, verstärkt sich von Minute zu Minute, dann 7 Windstärken halbwinds. Obwohl wir drei die einzigen Gäste sind, wird gesegelt. Jetzt weiß ich auch schon, wo ich hinlangen muß. Gemeinsam werden Klüver, Jager, Groß und Großstagsegel gesetzt. Mary legt mit guten zehn Knoten los.
Ein schwarzer Kaffee auf der Brücke. Richard geht Ruderwache.
"Willst Du auch mal?"
Am Ruder eines Großseglers war ich noch nie.
"Das ist der Ruderstandsanzeiger," Richard deutet auf ein Zeigerinstrument, "Kurs 275".
Etwas schwergängiger als auf einer Yacht, ein leichter Druck liegt auf dem Ruder.
Mary ist leicht luvgierig. Gut so.
Ich schaue auf den Kompass, suche mir einen Punkt voraus, wo Gran Canaria im Dunst liegt.38 Seemeilen voraus, sagt die GPS-Anzeige.
Hoppla, schon bin ich zehn Grad vom Kurs ...
Ich versuche zu korrigieren. Tut sich aber nix.
Noch eine Viertelumdrehung mehr. Immer noch null Reaktion. Aber immerhin fällt Mary jertzt nicht weiter ab.
Eine halbe Umdrehung mehr.
Aha, jetzt tut sich was: Langsam luvt die Barkentine an. 450 Tonnen drehen. Etwas Stützruder, wie wir es damals in der Segelschule gelernt haben.
Es funktioniert. Nach einigen weiteren Ausrutschern gelingt es mir tatsächlich, Mary-Anne einigermaßen passabel auf Kurs zu halten. Macht Spass.
Richard hat heute Geburtstag. Nach dem Mittagessen schenkt er eine Runde polnischen Wodka aus.
"Müssen wir leider jetzt schon machen. Wir wollen die neuen Gäste nicht gleich mit eine Alkoholfahne begrüßen."
Um vier Uhr stehen wir vor Gran Canaria. Segel runter.
"Achzig Seemeilen in neun Stunden, das ist Rekord." Skipper Andreas ist zufrieden.
Die ersten Gäste warten schon mitsamt Gepäck am Kai.
Same proceedure as last week: Die Ute begrüßt, verteilt die Neuen und dann gibts den Welcomedrink. Auch wir kriegen wieder ...

Ostersonntag, 4. April 1999
Mit dem neuen Törn beginnt mit dem Ablegen um sechs Uhr die Westroute über die Inseln Teneriffa, La Palma und Gomera. Die Neuen halten sich recht gut; nur vereinzelt wird die Leereeling besucht. Wieder wird stramm gesegelt: Wind 4-5, Welle zwei Meter, also recht erträgliche Bedingungen.
Richard hat Wache, Felix von den Deckshands steuert.
"Ich habe ein perfektes Mittel gegen Seekrankheit. Wirkt absolut hundertprozentig."
Alle Leidenden horchen interessiert auf Richard.
"Mußt dich absolut flachlegen - unter eine blühende Linde ..."
Die Gäste lachen, die Crew lächelt höflich.
Hat den Scherz wohl schon öfter gehört.
"Ja, also letztes Jahr in der Biskaya auf dem Weg von den Kanaren nach Hamburg hatten wir einen merkwürdigen Vorfall an Bord. Tja, die Biskaya, nicht ganz ungefährlich, oft Sturm und unberechenbare Wellen."
Er macht eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen, um sich die gebührende Aufmerksamkeit zu sichern.
"Ich hatte Wache und war im Kartenraum, die Position einzeichnen. Plötzlich begann die Mary-Anne wild aus dem Ruder zu laufen und wie steuerlos zu taumeln. Ich stürze nach oben ans Ruder - was sehe ich?
Felix, der Rudergänger steht fassungslos, mit weit aufgerissenen Augen da!"

Wir Touris lauschen atemlos.
"Das Steuer war weg! Futsch, einfach nicht mehr da!
Wir konnten uns die Sache zunächst überhaupt nicht erklären, aber ich habe das Problem dann trotzdem schnell gelöst: Wir hatten einen Finanzbeamten an Bord ..."

Er senkte seine Stime bedeutungsvoll: "Einen Steuereinnehmer!!!"

Mit durchnittlichen 9 Knoten segelt die Mary-Anne nach Teneriffa. Um zwei Uhr, viel zu früh sind wir da. Segel bergen und unter Maschine in den Hafen. Zwei Laser kommen uns entgegen, wenden hinter unserem Heck. Sie halten die sieben Knoten, welche Mary unter Maschine läuft mühelos mit, surfen auf der Welle, überholen uns sogar.
Anlegen wie schon so oft gehabt.

Ostermontag, 5. April 1999
Hafentag: Die Gäste gehen auf Bustour, Teide etc.
Haben wir ja schon gehabt. Wir mieten uns einen Kleinwagen und machen uns zusammen mit einem älteren Herrn, der allein auf dem Schiff ist, zu einer Entdeckungsreise in den gebirgigen Nordosten von Teneriffa auf: bizarre Berge, urwaldartiger, undurchdringlicher Bewuchs, je höher man kommt. Die Straßen werden oben immer enger, die Serpentinen auch. Abenteuerlich.
Sehr eindrucksvoll das Panorama von dort oben. Wir fahren runter nach Hidalgo, Badeverbot am gesamten Strand: Brecher auf Brecher rollt auf die Steilküste zu, bis zu sechs Meter hohe Ungetüme krachen an die Felsen, schleudern Schaum bis zu zwanzig Meter hoch. Beeindruckend.
Ein gesicherter Felsensteig führt auf eine Klippe hinaus, mal probieren ...
Noch ehe ich ganz draussen bin, kriege ich eine Dusche ab, die nicht von schlechten Eltern ist.
Triefend nass trete ich den Rückzug an und ernte schadenfrohes Gelächter.
Mittags halten wir bei einer Kneipe in den Bergen an. Speisekarte in spanisch und englisch. Ich will was typisch spanisches, eine Spezialität. "Gofio" steht auf der Speisekarte.
Noch nie gehört, was das wohl ist?
Mal ausprobieren. Die Bedienung sieht mich zweifelnd an: "Are you sure?"

Of course bin ich "sure"!
Fünf Minuten später steht "Gofio" auf dem Tisch, ein Teller voll undefinierbaren braunen Breis, durchzogen von obskuren weißen Fäden. Dazu eine scharfe rote Sauce.
Ich probiere vorsichtig, würge den ersten Löffel runter, probiere einen zweiten.
Es schmeckt leider immer noch so wie es aussieht ...
Ein zweites Mal reingefallen, wieder schadenfrohes Gelächter.

Dienstag, 6. April 1999
In der Nacht, gegen 1 Uhr, geht es weiter nach Santa Cruz de La Palma. Der neue Koch ist spät nachts an Bord gekommen, wir sind gespannt auf seine Künste.
Als wir gegen halb neun zum Frühstück kommen, steht die Mary-Anne bereits 35 Seemeilen vor La Palma. Die Rahsegel am Fockmast und einige Stagsegel sind gesetzt, die Maschine läuft mit. Mit 9,5 Knoten arbeitet sich der Windjammer durch die lange Dünung. Westlich von Island liegt ein Sturmtief, das uns die Welle bis hierher schickt.
Auf der Brücke zeigt der Skipper höchstpersönlich den interessierten Seglern, wie ein Augspleiß geht. Dann ist der Palstek dran. Von den Seglern präsentieren einige verblüffend schnelle Arten, den Palstek zu knüpfen.
Einer von den Deckshands brilliert mit einem Knoten, indem er den Tampen wie eine Peitsche durch die Luft schwingt. Peng, plötzlich ist der Knoten in dem Ende.
Alles staunt.
"Kennst Du schon den 'geworfenen Palstek'?"
Was, das geht auch? Der Skipper nickt.
Er dreht sich um, so dass wir nicht sehen können, was er da macht.
Er dreht sich um, den fertigen Palstek in der Hand: "Da, fang!"
Er wirft mir den Palstek zu.
"Voila, der 'geworfene Palstek'!"

Mittwoch, 7. April 1999
Vier Uhr früh ablegen, Kurs Gomera. Die Maschine weckt uns zwar, aber nach 19 Minuten ist das Ablegemanöver gelaufen und das Geräusch des Diesels wird gleichmäßig. Weiterpennen ...
Die Krängung ist heute etwas heftiger, als (vermutlich) die Segel gesetzt sind, aber wir sind auf der richtigen Seite. Ich mache es mir an der Bordwand bequem und schlafe gut weiter.
Ankunft in Gomera um 12.20, Mittagessen Lammragout. Der neue Koch ist gut.
13.00 Uhr allgemeiner Aufbruch zur Inselrundfahrt per Bus. Dass es sich lohnt, die Busfahrten mitzumachen, beweist sich einmal mehr. Hier auf Gomera kommen vor allem die Pflanzenliebhaber auf ihre Kosten. Der Nationalpark von Gomera, bestehend aus schier unendlichen Wäldern von Baumheide ist weltweit einzigartig und wird vom Führer entsprechend gewürdigt.
Einmalig auf der Welt auch "Silbo", die Pfeifsprache der Insulaner, mit der sie sich von Berggipfel zu Berggipfel und quer über die Barancos (tiefe Schluchten) verständigten. Damit sie nicht verlorengeht, wird sie - vermutlich zum Gaudium der Schüler - sogar in den Grundschulen gelehrt. Ob die armen Kinder wohl hier ihre Aufsätze pfeifen müssen?
Oder Grammatik: "Pfeif mal den Satz 'Ich gehe gern in die Schule' im Plusquamperfekt, dritte Person Plural!"
Recht eindrucksvoll wird in einem Cafe demonstriert, dass die Kommunikation wirklich funktioniert: Ein paar Touris tauschen Gegenstände aus, verstecken sie. Der Pfeifer dirigiert einen anderen Sprachkundigen, so dass er die Gegenstände findet und sie an den richtigen Ort zurückbringt. Eindrucksvoll.
Abends "Spanish Night", wie schon in der Vorwoche.
Diesmal aber liegt Mary etwas "schief". Der Wind heult in der Takelage. Draussen weht es mit 8 bis 9. Ob der Skipper wohl ausläuft heute nacht?

Donnerstag, 8. April 1999
Zehn Uhr vormittags, Mary-Anne liegt immer noch festgemacht am Kai.
Der Skipper hat sich entschieden, nicht auszulaufen. Fallböen kräuseln das Hafenwasser, färben es tiefblau. Mary legt sich jedesmal zur Seite. Wie es wohl draussen aussieht?
Ich werfe einen Blick von der Kaimauer. Jetzt weiß ich genau, warum der Skipper nicht rausgegangen ist.
Mittagessen, Putengeschnetzeltes mit einer feinen Sahnesauce, Baden, Faulenzen.
Um fünf macht "Kuddel", der Maschineningenieur eine Führung durch den Maschinenraum. Erst einmal geht es fast vier Meter über ein Leiter nach unten. Gnadenlos ist die Hitze hier unten, obwohl nur ein Aggregat zur Stromerzeugung läuft. Zwei davon gibt es hier unten. Ohne die geht gar nix, denn die Kühlwasserpumpe des Schiffsdiesels läuft elektrisch.
Dann die Hauptmaschine, ein marinisierter Deutz-Diesel einer Rangierlokomotive. Fünfzig Liter braucht der pro Betriebsstunde, 23 Tonnen Diesel sind an Bord, 16 Tonnen Frischwasser. Ventile, Schalttafeln für Lüftungen, Entsalzungsanlage, Kläranlage, Ölstände, Dieseltanks, Filter, eine kleine Werkstätte.
Alles fünf Nummern größer als auf einer Fahrtenyacht ...
Vieles davon in doppelter Ausführung als Back-Systeme.
Wieder oben, klebt das T-Shirt am Körper, ich gehe erst mal duschen, dann ein Bier. Ein Spaziergang.
Happy Hour, Drink des Tages: Blue Lagoon.
Dann das Abendessen: Kaltes Buffet mit Salaten, überbackenen Fleischpflanzerln (für unsere norddeutschen Freunde: Buletten), Thunfischsalat, Nudelsalat, Roastbeef mit Remoulade, Melone mit Schinken, Lachs.
Ablegen nach dem Abendessen. Der Wind drückt Mary an den Kai. Der Skipper fährt ein Manöver, das ich noch nicht kenne. Statt Eindampfen in die Vorspring, läßt alle Festmacher außer der Achterspring, die auf Slip liegt, loswerfen und gibt Rückwärts. Das Bug des Windjammers löst sich vom Kai, schwingt langsam gegen den Winddruck, Achterspring los, energisch vorwärts, fertig.
Schon wieder was dazu gelernt ...
Eine Nachtfahrt liegt an, knappe 110 Seemeilen. Segel werden gesetzt. Mary legt sich ein wenig auf die Backe und marschiert los, knappe zehn Knoten. Um zehn sind wir in der Abdeckung von Teneriffa, Maschine ist angesagt, die Segel bleiben aber stehen, denn bald wird es interessant.
Nochn Bierchen an der Bar, ein kleiner Plausch und ab in die Koje.

Freitag, 9. April 1999
Zehn Uhr aufstehen, Frühstück bei Schräglage, inzwischen können alle Gäste an Bord damit umgehen, jeder entwickelt seine eigenen Strategien.
Durch die Verzögerung in San Sebastian / Gomera müssen wir gleich nach Las Palmas auf Gran Canaria. Der Wind ist für die Mary-Anne zu schwach und so heißt es leider motoren.
Um drei sind wir da, Ende der Seereise für uns ... ;-((
Kaffe und Kuchen im Salon. Die Stereoanlage spielt "Junge komm bald wieder"
Ein wehmütiges Gefühl beschleicht mich.
Abends ein (für uns wieder) ein erstklassiges Captain's Dinner und ein Plausch an der Bar.
Wir bedanken uns bei der Crew.

Samstag, 10. April 1999
Packen, Frühstück, Abschied.
644 sm gesegelt in 14 Tagen, wenn auch nicht alles unter Segeln.
Unser Taxi ist da. Ute rennt auf einmal los wie von der Tarantel gestochen, kramt in den Schapps, findet schließlich ein Tischtuch, klemmt es sich unter den Arm und kommt zusammen mit dem Skipper an Land.
Bussis für Ute, "Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel" für Andreas.
Einsteigen, das Taxi wendet, nocheinmal vorbei an der Mary-Anne.
Ute und Andreas schwenken das Tischtuch ...

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