Der erste Segler vom Chiemsee
Aus einer alten Chronik: Ein alter Fischer wurde für die neue Idee gewonnen und stellte in seinem Nachen einen roten Mastbaum auf, der früher eine Fahnenstange gewesen und als Rahe befestigte er eine schöne Leisthe daran, an welcher zu Klosterszeithen die Meßgewänder gehangen hatten. Dann nahm er ein altes Tischtuch und machte ein Segel daraus, dessen Enden er mit Bindfaden seemännisch zu richten lernte. Oben am Mast endlich steckte er die weiß und blaue Flagge aus.
Am dritten Tag aber erhob sich ein stattlicher Westwind, und als sofort die seekundigen Recken in der alten Eiche mit dem geweihten Takelwerk unter dem pfeifenden Zephyr über die hohen Wogen dahin brausten, so schnell, daß sie in anderthalb Stunden vor Grabenstätt einliefen, wohin die anderen dritthalb brauchten, da fanden sie bei ihrer Rückkehr die öffentliche Meinung auf dem Eilande ganz verändert. Hier schließt die Geschichte. Seit diesem Jahr nahm das Segeln am Chiemsee seinen Anfang. Zunächst nahmen Fischer diese Anregung auf und bauten vereinzelt Riggs auf ihre Kähne. Nach und nach setzte sich das Segeln durch und nach einiger Zeit tauchten die ersten Segler, hauptsächlich wohlbetuchte Münchner Bürger am Chiemsee auf.
Quelle: Morgenblatt für gebildete Leser, fünfunddreißigster Jahrgang, 11. Oktober 1841,
Stuttgart und Tübingen, im Verlage der J. G. Cotta´schen Buchhandlung
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