EUROPÄISCHES SEGEL-INFORMATIONSSYSTEM
PAUL CAYARD - sei der BESTE
mit freundlicher Genehmigung der YACHTREVUE
Last update: Monday, 06.07.1998
Der Newcomer hat alle Favoriten geschlagen. Der USA-Korrespondent Dieter Loibner zeichnet ein Porträt jenes Mannes, der diesem Whitbread seinen Stempel aufgedrückt hat.
Paul Pierre Cayard, ein Mann der vielen Talente und Sprachen, kann so manches gut, doch eines am besten: Segelbootfahren. Diese Erkenntnis dämmerte Regattafreunden schon vor geraumer Zeit, nach seinem Whitbread-Sieg wissen es Gott und die Welt. Dennis, move over.
Cayard, der im Alter von neun Jahren mit der Segelei begonnen hatte, war von Kindheit an ein ziemlicher Streber, so erzählt man sich in Amerika, ohne Böses zu meinen. Er habe in einem Holzbrettl über dem Bett sein ebenso bescheidenes wie simples Lebensmotto eingraviert: Be Number One. Prompt gewann er mit 16 seine erste Nordamerikanische Meisterschaft hängend, geigend und gleitend in einer Bootsklasse, die man El Toro nennt.
San Francisco, die wohl liberalste aller Westküstenstädte, die hier lebenden Menschen und die sie umgebenden windigen und strömenden Gewässer ließen Klein-Paule rasch zum ausgefuchsten Paul reifen. Zudem gab es mit dem rennfahrenden und segelnden Playboy Tom Blackaller ein mächtiges Vorbild, dem Cayard bis heute in Bewunderung verbunden ist. Blackaller, der mit 49 an einem Herzinfarkt starb, lehrte dem jungen Beau neben diversen Segeltricks auch die Kunst des intensiven Lebens sowie theatralisches Auftreten; Fertigkeiten, die der Lehrling in Kürze bis zur Perfektion entwickelte.
Cayard lernte seinen Mentor beim Starsegeln kennen, und wie Blackaller trug er sich in die goldene Tafel der Star-Weltmeister ein (1988). Dieser Erfolg steht bis heute, nach sechs WM-Titeln und Siegen in Whitbread, Admirals Cup sowie 11 Matchraces, in der persönlichen Rangreihe hoch oben, doch die Krönung ist und bleibt der Americas Cup. Cayards sehnlichster Wunsch ist der erfolgreiche Abschluß eines Projekts, das Blackaller in den siebziger Jahren begonnen hatte, nämlich die Schnabelkanne nach San Francisco zu holen.
AmericaOne, die AC-Kampagne für den St. Francis Yacht Club, ist Cayards erste eigene Show, und sie wird ohne Zweifel von dem Whitbread-Sieg profitieren. Bisher diente Cayard den Herren Blackaller (1983, 1987), Giardini (1992) und Conner (1995) als Trimmer, Taktiker und Steuermann, die beiden letzten Male drang er bis ins Finale vor, um dort mit kraß unterlegenem Material zu unterliegen. Das schmerzt.
Neider bezichtigten Cayard beim Giardini-Gig von 1992 des Hochverrats, doch er erkannte so wie Rod Davis, Peter Gilmour oder Chris Dickson , daß man als Legionär im professionellen Segelsport besser verdienen und die Karriereleiter rascher hochklettern kann. Bleibst du in deiner kleinen Welt, bleibst du unweigerlich zurück," lautete das Cayardsche Paradigma.
Globalität und höhere (Geld)Motive veranlaßten den feschen Paul schließlich, das Whitbread zu segeln, eine Regatta, die ich eigentlich nicht segeln dürfte, aber segeln muß," wie er spitzbübisch zu Protokoll gab. Der Publizität zuliebe. Das Whitbread ist gut für Paul Cayard", stellte er in seiner selbstbewußten Art fest, und, viel wichtiger, Paul Cayard ist auch gut für das Whitbread. Vielleicht war seine Teilnahme sogar das Beste, was dem high-tech-verliebten Mega-Event passieren konnte. Cayards e-mails von der Piste zeugten im Unterschied zu jenen seiner Skipperkollegen von einer gewissen Erzählkunst, die uns Lehnstuhlkapitäne mitten in die eisig-rauhe Wirklichkeit des südlichen Ozeans holte. Von 48 Grad südlicher Breite trudelten Cayard-Schmankerln wie dieses ein: Das Boot zittert, rüttelt und stampft; es befindet sich in einem Stadium genereller Gewalt. An Deck friert es. Die Feuerwehrspritze ist bestenfalls Jugendliga mit Eiswürfeln, Luft- und Wassertemperatur betragen drei Grad. Wir pflügen ständig durch die Wellen. Das Deck ist durchschnittlich einen halben Meter unter Wasser Ich wünsche Ihnen zuhause ein schönes Wochenende. Genehmigen Sie sich eine gute Flasche Rotwein zum Steak und ein Schokoladen-Mousse zum Dessert "
Seine Eloquenz hat der 38-jährige Skipper wohl von seinem französischen Vater, der vor dessen Geburt nach Kalifornien ausgewandert war und 30 Jahre lang für die San Franzisco Opera Kulissen baute. Verheiratet ist Paul mit Ika, Tochter des legendären Schweden Pelle Peterson, mit der er auch zwei Kinder, Daniel und Alexandra, hat.
Cayard gibt unumwunden, wenn auch mit leicht gequältem Gesichtsausdruck zu, beim schwedischen Team von EF Language anfänglich nur zweite Wahl gewesen zu sein. Erst als der Brite Lawrie Smith für ein paar Silberlinge mehr zum englischen Silk-Cut-Team wechselte, schlug seine Stunde. Erste Order war, seine langjährigen Gefolgsleute in die Schlüsselpositionen zu hieven. Kimo Worthington besorgte die Entwicklung der pfeilschnellen Segel und das Tuning im kalten Nordmeer, Stevie Wonder" Erickson, sein Dauerschote, war ebenso mit von der Partie wie Bugmann Josh Belsky und der Zauberer am Navigationstisch, Mark Rudigier, quasi ein Nachbar.
Gute Vorbereitung stand für Cayard seit jeher im Vordergrund und machte sich auch in Sachen Whitbread bezahlt. Der Bojenjockey, dem die Konkurrenz eine Weltumrundung im Renntempo nicht wirklich zutraute, räumte als Neuling erst einmal auf. Manchmal ging er es ein wenig zu forsch an, wie die Zwischenfälle während der zweiten Etappe zeigten. Der südliche Ozean mit seinen Extrembedingungen war neu für mich. Man kann nicht immer mit 100prozentigem Speed segeln wie bei einer Bojenregatta, sondern muß zurückschalten können, andernfalls brechen Mensch und Material" begriff Cayard. Die nächste, deutlich kürzere Teilstrecke von Fremantle nach Sydney sicherte er sich im Stil des Hauses und rang Swedish Match kurz vor dem Ziel in bester Americas-Cup-Manier Zentimeter für Zentimeter nieder. Der Lerneffekt der zweiten Etappe trug auch in in der Kap-Hoorn-Teilstrecke von Auckland nach Sao Sebastiao Früchte, in der Cayard und Kollegen 500 Meilen bzw. fast zwei Tage Vorsprung auf den Zweitplazierten heraussegelten.
Das Whitbread ist die außergewöhnlichste Sache, die ich je gemacht habe. Es ist vergleichbar mit der Besteigung des Everest", schwärmt Cayard. Für einen vom Erfolg Besessenen wie ihn ist dieser Berg abgehakt, nachdem er sich in La Rochelle den Gipfelsieg sicherte. Über seine Whitbread-Zukunft meint er kurz und bündig: Man muß wissen, wann genug ist und als Sieger abtreten können."
Der nächste Berg wartet in der Heimat von Everest-Erstbesteiger Sir Edmund Hillary,
genauer gesagt im Hauraki Golf vor Auckland, wo ab Herbst 99 die nächste Auflage der
Seifenoper Americas Cup steigt. Neuseeland ist haushoher Favorit, doch das kann
Cayard nur recht sein. Er liebt Herausforderungen und wird nicht ruhen, ehe er den
Silbereimer vor der Gedenktafel von Tom Blackaller im erlauchten St. Francis Yacht Club
abgestellt hat.
Paul Cayards größten Erfolge
Im Laufe seiner Karriere gewann Cayard sechs Weltmeisterschaften, zwei renommierte Cups sowie 11 Matchrace-Events der Kategorie 1
1988 Star-WM
1988 Maxi-WM, Il Moro di Venezia III
1989 Eintonner-WM, Brava
1991 50-Fuß-WM, Abracadabra
1991 IACC-WM, Il Moro di Venezia III
1996 ILC-40-WM, Brava Q8
1995 Admirals Cup, Brava
1996 Steinlager Logan Cup
Vier Mal streckte er die Hand nach dem Americas Cup aus, doch der Sieg blieb ihm bislang verwehrt
1983 Semifinale Verteidiger, Trimmer auf Defender
1987 Semifinale Herausforderer, Taktiker auf USA
1992 Finale, Steuermann auf Il Moro di Venezia V
1995 Finale, Steuermann auf Stars & Stripes, Young Americ
Der Triumph beim Whitbread Round the World Race 1998 ist umso beeindruckender, als Cayard nicht nur als Novize in das Rennen rund um den Globus ging, sondern parallel dazu seine aktuelle Americas-Cup-Kampagne AmericaOne am Kochen hielt
Page by Peter O.Walter,
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