EUROPÄISCHES SEGEL-INFORMATIONSSYSTEM
Frauen auf der "Gorch Fock"



Noch immer bekomme sie feuchte Hände, wenn sie sich an die „Ausflüge“ ins Segelwerk des Bundeswehr-Schulschiffs erinnere, sagt die junge Frau, die gerade 20 Jahre alt wurde. Nicht unverständlich für Landratten. Immerhin sind die Masten des über 40 Jahre alten Schiffs, einem der schönsten Großsegler der Welt, fast 50 Meter hoch. Trotz angelegter Klettergurte habe sie sich von den „Kameraden“ etliche spöttische Bemerkungen anhören müssen, etwa, ob sie an einem „Leguan-Wettrennen“ teilnehme oder hier „Klettern in Zeitlupe“ gefilmt werde. Über solche Kommentare kann sie längst wieder lachen. „Solch ein Turn ist einfach ein unvergleichliches Erlebnis.“ Und das wird nicht jedem Marine-Angehörigen geboten. Zudem ist Doris Bücher einen Schritt näher gekommen auf dem Weg zu ihrem Ziel, Ärztin zu werden.

Schon mit 14, 15 Jahren habe sie diesen Wunsch gehabt, sagt die in Saudi-Arabien geborene Tochter eines Deutschen (der in Damam als Ingenieur arbeitete) und einer Koreanerin. Im zarten Alter von sechs Wochen ging es zurück nach Deutschland, zunächst nach Troisdorf, dann nach Neunkirchen-Seelscheid.

Ein paar Monate vor dem Abitur am Antonius-Kolleg wurde es dann für die junge Frau, begeisterte Musikerin (Querflöte, Saxophon) in der schuleigenen Bigband, Ernst. Ein Bekannter hatte den Tipp gegeben, über die Bundeswehr das Berufsziel - Medizinerin - anzustreben. Dies bedeutete allerdings zunächst zweieinhalb „ganz schön anstrengende“ Testtage in der Offiziers-Prüfzentrale in Köln. Die Auswahlkriterien seien heftig, sagt Doris Bücher: „Ein Drittel fliegt raus.“ Geprüft werde unter anderem Gruppenverhalten, Intelligenz, sportliche Fähigkeiten. Sogar beim Essen werde man beobachtet. Zwei Monate später sei der erlösende Anruf gekommen: „Alles klar.“ Nur: Der Wunsch, zur Luftwaffe zu kommen, wurde nicht erfüllt. Statt dessen war Marine angesagt. Im Nachhinein sagt Doris Bücher: „Luftwaffe hatte ich mir gewünscht, aber Marine finde ich jetzt auch klasse.“

Erst mal marschieren

Während die Schulfreunde noch mit den Nachwehen des Abi-Balls zu kämpfen hatten, begann in Plön für die junge Soldatin die Formalausbildung, in der bundeswehrtypischen Kürzel-Manie „OAGA“ genannt, was ausgeschrieben Offiziersanwärtergrundausbildung meint. Musste wohl sein, meint Doris Bücher, wenngleich ihr manches dabei im wahrsten Sinn des Wortes schwer fiel. So sei Marschieren nicht ihr Ding gewesen: „Ich wiege 50 Kilogramm, musste aber 25 Kilogramm Gepäck tragen.“ Immerhin, wenn es zu schlimm wurde, waren die Kameraden ganz Kavalier und nahmen ihr die Last ab.

Seit mehr als 150 Jahren unterhält Deutschland Schulschiffe, um den Marine-Nachwuchs auszubilden. Die „Gorch Fock“, Heimathafen ist Kiel, ist der zweite Segler dieses Namens. Das erste Schiff, 1933 gebaut, fährt heute unter russischer Flagge als „Towarischtsch“. 1958 gab die Bundeswehr bei Blohm + Voss die zweite „Gorch Fock“ zur Ausbildung von Marine-Nachwuchs in Auftrag. Eigentlich müsste der Segler „Hans Kinau“ heißen. Kinau war Dichter, schrieb vor allem Seeromane („Seefahrt ist not“) und nannte sich Gorch Fock.

Beim ersten Blick auf das Schiff sei ihr der 89 Meter lange Dreimaster gar nicht so groß vorgekommen, erinnert sich die Offiziersanwärterin. Eine Zeit des Um- und Eingewöhnens begann. Ein bisschen habe sie am Anfang aucheinen Hauch von Romantik verspürt, sagt Doris Bücher: „Reisen auf einem der letzten unter Segel fahrenden Schulschiffe.“ Die Realität holte die junge Frau schnell aus den Träumen. Trillerpfeifen weckten um sechs Uhr morgens mit dem so genannten „Locken“ die rund 200 Soldaten an Bord (davon 27 Frauen in Ausbildung und eine „Stammfrau“), wobei die Hängematten (Betten in schmalen Kajüten sind der Stammbesatzung vorbehalten) erst Minuten später beim Pfeif-Signal „Reise-Reise“ verlassen werden durften. Anschließend müssen die Hängematten penibel verpackt und verstaut werden: „Früher dienten Hängematten im Notfall als Rettungsgerät.“ Den Frauen an Bord, sagt OA-Bücher, sei noch gewisser Luxus zugestanden worden: „13 Mädels konnten sich drei Waschbecken teilen. Die Männer waren schlechter dran.“

Die ersten Tage auf dem Segler seien „mächtig gewöhnungsbedürftig“ gewesen. Mindestens jedes Mal 20 Minuten anstehen zum Essen, ständige „Schreierei“, Putzen (mindestens eine Stunde täglich“), drangvolle Enge: „Privatleben beschränkte sich auf Schuhkartongröße“. Dazu musste gelernt werden. Unterrichtsfächer der „praktischen Seemannschaft“ sind unter anderem Segelkunde, Seesack nähen, Nautik, Takelage, Wetterkunde. Und natürlich mussten alle Anwärter in die Masten zum Segelsetzen oder -einholen. Das sei schlimmer gewesen als „Schweinswache“, wie die nächtliche Wache zwischen null und vier Uhr heißt.

Mittlerweile hatte die Gorch Fock die Leinen geworfen und war zur „Traumreise“ (Doris Bücher) ins Mittelmeer aufgebrochen. Zum Glück habe meist gutes Wetter geherrscht. Schlimm sei gewesen, wenn nachts der Wind auffrischte und der Seegang entsprechend zunahm: „Die Schuhe fanden wir überall, nur nicht da, wo wir sie abgestellt hatten“. Und wenn die Wellen ganz hoch gingen, rollten wir den Schuhen auch schon mal hinterher. Besonders unangenehm sei Duschen bei hohem Wellengang gewesen: „Dann muss man den Wasserstrahlen förmlich hinterher rennen.“

Wieder festen Halt

Trotz aller Einschränkungen an Bord der „Gofo“, wie das Schulschiff liebevoll genannt wird, sei der Turn traumhaft gewesen, versichert die junge Frau, die noch über 16 Jahre Bundeswehr vor sich hat: „An die Einschränkungen und die Enge an Bord gewöhnt man sich. Ich mag das Schiff unheimlich gerne. Ihr erster Turn auf der „Gofo“ wird wohl auch ihr letzter gewesen sein. Die Bundesmarine verfügt eben nur über eine Gorch Fock, und Reisen mit dem Großsegler, der in fernen Ländern von deutschen Botschaftern gerne als Ort der Repräsentation genutzt wird, sind gefragt. Bis zum Sommer hat Doris Bücher nun in der Flensburger Marineschule festen Halt unter den Füßen. Dann beginnt das angestrebte Medizinstudium an einer zivilen Hochschule.

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